Wissenschaftliche Hintergründe

Studie: „Effects of Mindfulness-Based Stress Reduction on Medical and Premedical Students“

Zweiwöchentlich stellen wir Ihnen donnerstags Studien zum Thema Resilienz vor. Heute die Studie „Effects of Mindfulness-Based Stress Reduction on Medical and Premedical Students“ aus dem Jahr 1998 von Shauna L. Shapiro, Gary E. Schwartz und Ginny Bonner, welche im “Journal of Behavioral Medicin, Vol. 21, No 6” veröffentlicht wurde.

Ziel der Studie:

Die Studie untersucht „the short-term effects of an 8-week meditation-based stress reduction intervention on premedical and medical students” (S. 581) und zielt darauf ab “ to: (1) decrease overall negative psychological symptoms including specific measures of anxiety and depression, (2) potentially enhance the doctor-patient relationship through the cultivation of empathy, and (3) foster spiritual growth and understanding. Ultimately it is hoped this intervention will help students adopt a more balanced and humanistic approach to both their own lives and their patients’ lives (S. 582).

Dabei werden die Variablen: Compliance, Trait Anxiety, State Anxiety, Depression, GSI, Spirituality, Empathy ausgewertet und im Hinblick “of the pathways through which change occurred” untersucht, um “magnitude and direction of the effects” anzudeuten und in einem Modell festzuhalten (S. 591).

Die Relevanz wird aus den bisher nachgewiesenen „Potential consequences of stress on medical students’ lives“ abgeleitet, dazu gehören “alcohol/drug abuse […], interpersonal relationship difficulties […], depression and anxiety […], and suicide.” Darüber hinaus wurde festgestellt, dass Emphaty “decreased significantly between entry to medical school and the end of the first year” (S.582).

Methode:

Teilnehmer

200 wurden aktiv geworben. Zum Beispiel gab es Flyer, eine kurze Beschreibung des Programms (Stress Reduction and Relaxation Programm = SR&RP) und 1CP für die Teilnehmer (vgl. S.585).

Validität & Reliabilität

Reliabilität und hohe Validität wurde durch eine ganze Reihe von Maßnahmen sichergestellt.  Unter anderem wurde mit drei verschiedenen Gruppen gearbeitet. Eine Versuchs und eine Kontrollgruppe füllen selbstreflektierende Fragebögen aus. Einmal kurz vor dem Versuchsbeginn und einmal kurz danach, innerhalb der Klausuren Phase.

Teilnehmer der dritten Gruppe wurden zusätzlich in der darauf folgenden Klausuren Phase geprüft. Vorher erhalten Sie eine, mit der der die aktiven Versuchsgruppe identischen, Behandlung . Eine Ausnahme ist ein Austausch des Experimentators, um Versuchsleiter-Effekte auszuschließen (vgl. S.585f.).

Ein Fehler innerhalb der Erhebung der Fragebögen von Gruppe 3 wird festgehalten: „Unfortunately, due to a clerical error, the trait anxiety measure was not administered (S.591).

Die Versuchsgruppe

Die Meditationen orientieren sich maßgeblich an den Praktiken von Kabat-Zin. Trainiert wurden:
“(1) “Sitting Meditation” involving awareness of body sensations […].“
(2) “Body Scan,” a progressive movement of attention through the body […].“
(3) “Hatha Yoga,” which consisted of stretches and postures […]. Inherent in all these techniques was an emphasis on mindful breathing, continually bringing attention to the breath. In addition to these three techniques, a “lovingkindness” and a ”forgiveness” meditation were introduced […].“

„Didactic material was presented on the psychological and physiological effects of stress and how to cope with stress. […] the group split into smaller subsets each week to discuss their experiences […]. The course consisted of seven sessions (2.5 hours each week) and had weekly home practice assignments as well as daily journals” (S.586).

Messmethoden

“Standard demographic measures were obtained (ethnicity, age, gender, education). Participants completed the following measures to assess the six principle quantitative dependent variables“:

Empathy. Participants completed an adapted version (half of the original version of 84 items) of the Empathy Construct Rating Scale (ECRS) […]“

Psychological Distress. The Hopkins Symptom Checklist 90 (Revised)- SCL-90-R […]
Depression. Subscale 4 of the SCL-90 was used to assess depression. […]
State and Trait Anxiety. The State-Trait Anxiety Inventory (Form Y)- STAI Form 1 […]
Spirituality. The Index of Core Spiritual ExperiencesÐ INSPIRIT developed by Kass and colleagues (1991) (S.587).


Ergebnisse:

“The data indicate that participation in a mindfulness-based stress reduction intervention can effectively
(1) reduce self-reports of overall psychological distress including depression,
(2) reduce self-reported state and trait anxiety,
(3) increase scores on overall empathy levels, and
(4) increase scores on a measure of spiritual experiences assessed at termination of the intervention. These results
(5) replicated in the wait-list control group,
(6) held across experimenters, and
(7) were observe during the exam period.

Further, analysis demonstrated that one’s compliance with treatment played an important role in outcome. Finally, the path diagram provided a hierarchic model of the changes, making the change in (reported) trait anxiety the mechanism through which subsequent changes occur“ (S.592).

Schlussfolgerung:

Eine psychologisch-technische Hypothese zu der Wirkung von Achtsamkeit wird vorgestellt:

„According to Schwartz’s systems model of self-regulation (1984, 1989), a “ system” maintains stability of functioning as well as flexibility and the capacity to change in novel circumstances through continual feedback loops that connect all subsystems to the larger whole. The model further posits that disregulation and subsequent disease stem from disconnection of feedback loops as a result of not attending to crucial messages within the system. When disregulation occurs, attention is needed to reestablish connectedness which in turn enhances health. Humans can be thought of as systems, composed of subsystems, and part of larger suprasystems (e.g., families, communities, cultures). Thus, a potential hypothesis is that mindfulness serves to increase the amount of attention and connection in the “system” thereby leading to greater psychophysiological regulation, balance, and health” (S.596).

Achtsamkeit unterscheide sich von kognitiver-Verhaltenstheraphie, „One crucial difference is that cognitive behavior therapy places an emphasis on distinguishing thoughts as positive or negative […] mindfulness is not just a coping tool but a “ way of being,” to be practiced in all moments” (S.595).

Limitationen und zukünftige Studien

Eine Reihe von Limitationen wie zum Beispiel potentielle Placebo-Effekte auszuschließen oder die Wirkung von Achtsamkeitsmeditationen gegenüber „alternative treatment (i.e., progressive relaxation, biofeedback)“ zu untersuchen. Untersuchen müsste feststellen, ob die nachgewiesenen kurzfristigen Effekte auch langfristige Erfolge mit sich brächten (Vgl. S.594).

Der Gedanke, „mindfulness training into medical education“ zu integrieren, schließt die Zusammenfassung ab. (S. 597)

Eigene Meinung und Gegenüberstellung

Das vorgestellte Modell („Fig. 2“) zeigt eine Wirkung von Achtsamkeit und Compliance auf, die alle gemessenen Variablen über die Variable Trait Anxiety (Eigenschaftsangst) beeinflusst. Das Achtsamkeitsmeditationen Angst mindert wird inzwischen sogar in populärwissenschaftlicher Literatur benannt. (Vgl. Search Inside Yourself S. 22 bezüglich state anxiety, S. 43 bezüglich trait anxiety). Es wäre interessant zu untersuchen, ob gleiche Achtsamkeits-Trainings bei Personen mit hoher bzw. niedriger Angst signifikante Unterschiede bei den Wirkungskurven (absolut und relativ) aufweisen.

Auch Säuglinge, bei denen eine übererregbare Amygdala festgestellt werden kann, könnten in frühen Jahren (so früh wie möglich) Achtsamkeitstraining erhalten, um über Langzeit-Studien festhalten, ob die normal zu erwartende hohe Schüchternheit dieser Kinder im Erwachsenalter signifikant beeinflusst (reduziert) werden kann.

Mit dem Ziel die Qualität von Achtsamkeit als Tool zu bewerten. Ein Tool mit dem bewusst Einfluss auf die Neuroplastizität des Gehirns genommen werden kann. Im Weiteren Sinne der bewusste Einsatz dieses Tools in der Kindererziehung und der Pädagogik im Allgemeinen. Insbesondere im Kontext der Anforderungen an die menschliche Psyche im Zuge der Digitalisierung.

Ein weiterer wichtiger Punkt für mich ist die Bewertung der Nützlichkeit von Verträglichkeit (Agreeableness). In Achtsamkeitsmeditationen und der zu Grunde liegenden Literatur wird oft auf den hohen Stellenwert von Freundlichkeit und Barmherzigkeit eingegangen. Diese werden in der Psychologie im Modelll der „Big Five“ der Hauptdimension Verträglichkeit zugeordnet. Der ehemalige Harvard Professor und Psychologie Jordan B. Peterson verweist darauf, dass hohe Verträglichkeit mit negativen Langzeitfolgen einhergeht.

Der Hang zu Verträglichkeit kann dazu führen, dass Konflikten aus dem Weg gegangen wird. Es kann an der Bereitschaft mangeln zwischenmenschliche Harmonie zu Opfern, um für persönliche langfristige Ziele einzustehen. Was fatale Auswirkungen für das langfristige Wohlbefinden von Menschen haben kann. Freundlichkeit und Barmherzigkeit, sind demnach nur dann erstrebenswerte Eigenschaften, wenn auch die bewusste Fähigkeit zu Unverträglichkeit besteht und Konflikte willentlich in Kauf genommen werden können, wo es für die langfristige gesunde persönliche Weiterentwicklung notwendig ist.

Die in der vorliegenden Studie praktizierten Mediationen weißen starke parallelen zum RODS 2 Projekt auf. Auch wir arbeiten zum Beispiel mit Sitzmeditationen und Bodyscans. Die in Fig 2 & 3 der Studie nachgewiesenen positiven Effekte der Achtsamkeitspraxis sollten demnach tendenziell auch bei uns zum Tragen kommen. Wodurch sich unsere Teilnehmer umso motivierter fühlen dürften.

Auch wichtig ist die Tatsache, dass die Compliance, also die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen und sich darauf ein zu lassen, signifikant Einfluss auf den Erfolg nimmt. Das Interesse am Thema korreliert also positiv mit dem persönlichen Erfolg. In RODS 2 wurden Teilnehmer per Zufall und ohne Berücksichtigung von Compliance zugeteilt. Es gehört zu den entsprechenden Personalmanagementvorlesungen dieses Semesters dazu. Umso wertvoller ist die Erkenntnis über die Korrelation zwischen Compliance und positivem Wirkungsgrad für unsere Teilnehmer.

Dieses Exzerpt wurde verfasst von Paul Hoffmann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s